80 Jahre und kein bisschen müde – Lothar Rönsch: Die stille Trainer-Legende
25. August 2018   By:    Allgemein   Comments are off

„Etwas fixer Jungs, um 18 Uhr ist Training!“

Huch?! Keiner trödelte und doch herrschte Stau. Nicht auf der Straße, sondern auf der Geburtstagsfeier der Rostocker Tischtennis-Legende Lothar Rönsch. Alle, die konnten, kamen quer aus der Republik, um dem nun seit letztem Freitag (10. August) 80-jährigen Trainer-Legende persönlich zu gratulieren. „Es waren so viele. Ich war sprachlos.“ Bis die Zeit drängte und er das Training mit den Kindern des SV Nord-West Rostock trotz des persönlichen Feiertages in Gefahr sah. Da war es schon weit nach 16 Uhr und auch wenn der gebürtige Berliner die Lacher auf seiner Seite hatte, meinte er es trockenernst.

   

    Geboren in Berlin erlebte Lothar die Wirren vor, während und nach dem 2. Weltkrieg hautnah mit, musste zweimal fliehen und versteckte sich mit seiner Mutter und Schwester im Luftschutzbunker. Früh wurde bei ihm Diabetes diagnostiziert. Auch damit arrangierte er sich. Es blieb nicht das letzte Hindernis, dass der Fan des römischen Kaisers und Philosophen Marc Aurel meisterte. Rönsch ging viele Wege, auch unbequeme. Er eckte an und hatte dennoch Erfolg, weil „mir der Rücken freigehalten wurde“, in den Vereinen und vor allem von seiner Frau Karin, mit der er zwei Kinder, Ronald und Christiane, hat. Allen brachte er Tischtennis näher und im Fall von Christiane auch zu Meisterehren in der DDR (Jugendmeisterschaft 1987: Gold im Mixed mit Mathias Wähner, der im gleichen Jahr sein goldenes Triple feierte, also noch Gold im Einzel und Doppel (mit Genz) gewann).

    Seine sportlich wohl größte Leistung ist, wenn auch auf den ostdeutschen Raum begrenzt, Etablierung der urtypisch, die asiatischen Penholder-Spielweise in Deutschland, besser gesagt in der DDR und später in Ostdeutschland. Der vor allem in China praktizierte Stil faszinierte Rönsch seit er es beim späteren, viermaligen Weltmeister Zhang Xielin bei der WM 1963 sah. Den Chinesen gelang hier die Wachablösung im Welttischtennis gegen Erzfeind Japan. Ebensolche gelang Rönsch nicht und wird es wohl auch das Penholderspiel in Deutschland nie erreichen. „Das bleibt für mich ein Rätsel, dass man uns in den deutschen Lehrbüchern so stiefmütterlich behandelt“, ist Lothar noch heute traurig und enttäuscht. Dabei gibt es mit Qiu Dang seit 2017 (endlich) einen Penholder-Nationalspieler – den ersten fast hundertjährigen Geschichte des deutschen Tischtennis. Nebenbei: Diego Hinz und Mathias Wähner, beide von Rönsch ausgebildet, waren viele Jahre die besten „ihrer Art“ in Deutschland. Beide spielen heute in der Regionalliga, Hinz derweil für die Füchse Berlin. Wenn man den Geschichtsbüchern trauen mag, war es Rönsch, der den übermächtigen Chinesen einen Schritt voraus war. Schon früh „tüftelte ich am beidseitigen Penholder-Spiel, also dass auch mit der Rückhandseite gespielt wird.“ Denn ansonsten umliefen die klassischen Penholder ihre Rückhand oder drehten Schläger, dass sie nur mit der Vorhandseite spielten. Eine Idee, die einer Revolution gleichkam und die die Chinesen ab Mitte der 1990er Jahre wieder zurück an die Weltspitze brachte. Da hatte es Wähner schon längst praktiziert und bei der Deutschen Meisterschaft in Rostock 1992 der Öffentlichkeit gezeigt.

    Fast zufällig kam Rönsch zum Tischtennis. Auf einer Kur, die er aufgrund seines Diabetes 1954 in Bad Reichenhall machte, wurden zwei Esstische zusammengeschoben, ein Netz gespannt und drauflosgespielt. Zurück in Berlin, erst bei Motor Weißensee, dann bei Medizin Mitte, entdeckte ihn Manfred Feldt. „Du hast Talent“, erinnert sich Rönsch an Feldts kurze Einschätzung und blieb am Ball. Erst als Spieler dann als Trainer, auch während seiner Ausbildung zum Elektromonteur und später als Sänger. Singen war seine Leidenschaft, die er ebenfalls mit viel Talent betrieb. Im Privaten gestartet, blickte Lothar bis 2003 auf eine 28 Jahre währende Karriere als Tenor am Rostocker Volkstheater zurück. Dabei hätte es Lothar 1975 fast nach Gera verschlagen. Bis dahin hatte er klangvolle Namen wie Bernd Raue, Norbert Drescher, Marina Nylhof, Ursula Zech und immer noch Deutschlands einzige Medaillengewinnerin, Gabriele Geißler, trainiert. Bei „Gabi“ ist Lothar bekannt bescheiden und verweist immer darauf, dass er nur einer von vielen war. Eine kleine Anekdote zu Bernd Raue, mit dem er bis heute in regelmäßigem Kontakt steht, die selbst Lothar nicht mehr zu erzählen wusste. 1972 verpasste ihm die DTTV-Zeitschrift den Beinamen „Chinesenschreck“ als er sowohl den WM-Dritten von 1971 und Weltmeister von 1973 (beides im Einzel!), Hsi En-ting, als auch den Mannschaftsweltmeister von 1971, Liang Ko-liang, jeweils mit 2:1 besiegte. Lothar durfte als Parteiloser nicht mit ins Ausland zu Turnieren. Ein ähnliches Kunststück gelang Raue 1973 als er Kjell Johansson (Schweden), Vize-Weltmeister im Einzel 1973 (unterlag Hsi) aber Mannschaftsweltmeister im selben Jahr, bei einem internationalen Turnier in Gera vergleichsweise mit 3:1 bügelte. Das beachtenswerte daran ist, dass Tischtennis durch ab dem Leistungssportbeschluss 1969 nicht mehr staatlich gefördert wurde, besser gesagt in den Amateursport degradiert wurde.

    „Mündlich hatte ich schon zugesagt, aber dann rief Rostock. Die Ostseeluft überzeugte mich.“ Rönsch wirkte bis 2003 am Rostocker Volkstheater. Damals wie heute nahm er sich unermüdlich Zeit für die Tischtennisasse von morgen, nicht nur Penholder.     Seine aktuellen „Erfolgsgeschichten“ heißen Maxi Langschwager (13, Shakehand) und Jarno Dümmer (15, Penholder), die beide ab dieser Saison beim TSV Rostock Süd aufschlagen werden. Jarno Dümmer wird hier Regionalligaluft, so wie einst Hinz und Wähner vor ihm. Und alles ohne Lizenz. „Tja, das ist so eine Sache“, muss Lothar schmunzeln. „Damals gab’s keine Lehrbücher, Lehrgänge oder Lizenzen.“ Irgendwann gab ihm der Erfolg einfach Recht, weil er akribisch jeder Idee nachging. Auch wenn das nicht gut ankam, biss er sich durch. „Ich probierte und probierte. Ich kopierte viele erfolgreiche Spieler“, erzählt Lothar noch heute mit einer so fesselnden Lebendigkeit für die damals entfachte Faszination einer für Europäer so untypischen Schlägerhaltung.

    Paradox: So sehr Lothar sich in die jungen Talente hineinversetzen kann und konnte, ihnen half, den richtigen Stil zu finden, „habe ich bei allem Ausprobieren nie das Richtige für mich gefunden.“ Was für die eigene Karriere ein Fluch war, war und ist für seine Arbeit als Trainer ein unschätzbarer Segen. Er liebt die Arbeit mit Kindern über alles und denkt auch mit 80 Jahren nicht ans Aufhören. „Warum? Sie halten mich jung.“ Oder andersherum: „Die Kinder brauchen Dich!“, da waren sich alle einig an seinem 80. Geburtstag. Das Training fiel aus, aber das nahm ihm keiner übel. Danke, Lothar. Bleib gesund.

Der Text basiert auf dem gekürzten und am 17.8. in der Ostsee-Zeitung erschienen Artikel zum 80. Geburtstag.


Fotos: Rajko Grawert